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Die Maschine mit dem *Bing*

Das Erste, das wieder bewusst funkioniert, sind die Ohren.

"Frau Nell?"
"Frau Nell? Machen sie mal die Augen auf!"

Ich kenne die fremde Stimme nicht und beschliesse deshalb vorsichtshalber, die Augen zu zu lassen und gebe lediglich ein undefinierbares Geräusch von mir, welches nur mit viel gutem Willen und einer langjährigen Erfahrung als OP-Schwester als *Lebenszeichen* einzuordnen ist!

Die Stimme lässt nicht locker:
"Frau Nell!! Operation ist vorbei - ist alles gut verlaufen!"

Gut verlaufen...haha!! Und warum fühle ich mich dann wie drei Tage Fassenacht in Mainz...nur beschissener?

Mein Schädel brummt, mein Hals tut weh, alles riecht komisch und ich hab eine Wüste und ein verendetes Pelztier in meinem Mund!

"Na kommen sie, Frau Nell...machen sie mal die Äuglein auf!"

ÄUGLEIN!!! Ich merk schon...die ist hartnäckig!!

Widerwillig öffne ich jetzt doch vorsichtig erst das eine, dann das andere Auge - und schaue direkt in das freundliche Gesicht einer grün gekleideten Dame Mitte Fünfzig!

"Na...da isse ja!", strahlt sie mich an und streichelt mir mit dem Handrücken ein paarmal mütterlich über die Wange!
Soviel Begeisterung und Lob für das reine Öffnen meiner Augen hab ich schon lange nicht erhalten und ich entscheide mich dann doch noch, der netten Frau zu antworten.

"Hallo!" Himmel...war das MEINE Stimme?? Klang eigentlich mehr nach Darth Vader als nach mir, aber die nette Frau schien das nicht zu stören!

*Haben sie Schmerzen?"
"Nein!"
"Wissen sie, wo sie sind?"
Naja..so ungefähr- Koordinaten hab ich keine, aber zum Glück lässt sie "Krankenhaus! Göttingen!" als Antwort gelten.

Ich steh noch total neben mir und obendrein auch unter Drogen, aber bevor ich wieder nach Propofol- City abdriften kann, muss ich noch weitere gefühlte 800 Fragen beantworten!

Das nächste Mal werd ich wach, weil sich mein Bett in Bewegung gesetzt hat! Huch...Peterchens Mondfahrt?? Nein...lediglich der Transport vom Aufwachraum in die Überwachungsstation!

Ich hab überhaupt kein Zeitgefühl! Es könnte 4 Uhr morgens sein, aber auch 15 Uhr nachmittags! Auf den Fluren gibt es keine Fenster und ich kann im vorbei fahren auch keine Uhr sehen - und selbst wenn: ich hab vor der OP meine Brille abgeben müssen und ohne bin ich blind wie ein Maulwurf!

Der nette Pfleger (astrein tätowiert...das registrier ich sogar im Delirium) erklärt mir dann auf Nachfrage, das es grade mal 22:45 Uhr ist- also lediglich knapp 2,5 Stunden, nachdem ich meinen Vater auf dem Flur hab schrumpfen sehen!

Hammer! Hätte er mir gesagt, ich hätte 5 Jahre im Koma gelegen und die Maschinen hätten mittlerweile die Herrschaft übernommen - ich hätt´s in dem Moment auch geglaubt!

Wo schiebt der mich eigentlich hin? Warum kann ich nicht auf mein Zimmer?? Waaaah...egaaal- denken geht noch nicht so richtig! Und solange mich alle in Ruhe lassen, ist es mir auch wurscht!!

Wir kommen auf der Überwachungsstation an! Ausser mir sind in dem großen Raum noch 2 weitere Patienten untergebracht!

Eine ca. 80jährige Dame, die wohl schon seit 3 Wochen hier unter 24-Stunden-Bewachung liegt, weil das mit den künstlichen Ausgängen, die sie ihr gelegt haben, wohl nicht so ganz gut *läuft*!!!

Auf der anderen Seite des Zimmers - sittsam durch einen Sichtschutz von uns getrennt- leidet ein älterer Herr unter Ächzen und Stöhnen die Nachwirkungen seiner Operation aus!

Unter normalen Umständen wäre ich jetzt durchaus voller Mitgefühl und Verständnis für meine Zimmergenossen, aber das hier sind keine normalen Umstände und ich bin einfach nur extrem genervt: vom gleichmäßigen Gepiepe der drei Überwachungsmonitore, vom Ächzen und Stöhnen, vom Geruch und von eigentlich allem!! Ganz besonders nervt mich das penetrante MIIIEEEP MIIIEEEP MIIIEEEP der Maschine rechts von mir!!

Moment...rechts von mir? Das ist doch MEINE Maschine?? Warum macht die denn jetzt Alarm?? Hiiillffee...

Da hör ich auch schon das eilige Heranquietschen der Gummisohlen der Nachtschwester, die an meine Seite gerast kommt und mich mindestens eben so erschrocken anschaut, wie ich sie!!

"Was war das denn?", frage ich immer noch ein bisschen panisch!
"Hmm...das Messgerät für den Sauerstoffgehalt hat Alarm geschlagen...aber: ihnen geht´s doch gut, oder?"

Ich nicke! "Was man halt so GUT nennen kann!"

Sie kontrolliert die kleine, graue *Wäscheklammer* an meinem rechten Zeigefinger und schlussfolgert dann "Naja...vielleicht verrutscht- das passiert schon mal!"

Einigermaßen beruhigt schliesse ich wieder die Augen, versuche die Aussengeräusche auszublenden und merke, wie ich so langsam wieder wegdämmere! Gerade hab ich diesen wunderbaren Schwebezustand zwischen *nicht mehr wach- aber noch nicht im Tiefschlaf* erreicht, da geht es plötzlich wieder rechts neben mir:

MIIEEEP MIIIEEEP MIIIEEEP MIIIEEP

Aaaalter.....wie angestochen fahre ich wieder hoch. Meine Herzfrequenz fährt spontan mit mir hoch...und ich höre auch direkt wieder das hektische *fwutsch, fwutsch, fwutsch* flinker Gummisohlen herannahen!!

Gleiches Spiel wie vorher: Kurzer, irritierter Blick; Alarm ausschalten; wieder *fwutsch, fwutsch, fwutsch** auf flinken Gummisohlen davon!

Dieses Mal allerdings nicht ohne die kleine, graue Wäscheklammer mit - sagen wir *liebevoller* - Gewalt auf meinen Finger zu tackern.

Es nützt nix!! Jedes Mal, wenn ich kurz davor bin, endgültig in den Schlaf zu rutschen, gibt das Scheissding neben mir Großalarm!!

Die Schwester hat Mordlust im Blick, will das Gerät aber nicht einfach abschalten- immerhin bin ich ja frisch operiert!!
Auch ich steh kurz vorm Nervenzusammenbruch...ich will schlafen...einfach nur schlafen- sonst garnichts!!

Und ich glaube, ich kann froh sein, dass meine Zimmergenossen ans Bett gefesselt sind, ansonsten hätten sich mich sicher schon mit ihren künstlichen Ausgängen und Gelenksprothesen erwürgt!! Zu Recht, übrigens!

Drei Stunden dauert das Drama an: dann kommt uns endlich die Eingebung!! Mittlerweile ist übrigens die *Wäscheklammer* mit mehreren Schichten Wundverband felsenfest an meine Hand gefesselt.

Die Schwester hat sich einfach mal neben mich gestellt und meine Drogenrausch- Einschlafphase beobachtet!!

Offensichtlich stelle ich in meiner jetzigen Verfassung zugedröhnt, dehydriert, auf dem Rücken liegend) meine Atmung dergestalt um, das ich in der oben beschriebenen Schwebephase zwischen Wachen und Schlafen regelmässig für ein paar, kurze Sekunden die Luft anhalte und diese *gesammelte* Luft anschliessend mit einem großen, pferdeähnlichen Schnauber wieder frei zu lassen! Wirkt bestimmt wahnsinnig mädchenhaft und anmutig!

Und dieses kurze Luft einhalten bewirkt tatsächlich kurzfristig einen so rapiden Abfall des Sauerstoffgehalts im Blut, das das Gerät Alarm gibt und ich somit nicht nur quasi das Reanimations- Team schon auf den Sprung gebracht habe, sondern die komplette Überwachungsstation und vor allen Dingen die Nachtschwester den größten Teil der Nacht auf Trab gehalten habe!! Peiiinlich!!

Aber nachdem dieses Rätsel jetzt endlich gelöst ist und ich mittlerweile bis auf die bleierne Müdigkeit tatsächlich wieder einigermassen fit bin, beschliessen wir illegalerweise, die Maschine einfach auf stumm zu schalten und uns allen wenigstens noch ein paar Stunden Ruhe und Schlaf zu gönnen!

Der ist auch dringend notwendig - immerhin soll am nächsten Mittag schon der Befund meiner Gewebeprobe vorliegen! Und um dieses Ergebnis und dessen Konsequenzen für mich zu erfassen und verarbeiten zu können, muss ich hellwach und aufnahmefähig sein!!

Und endlich gelingt es mir für zumindest ein paar Stunden endgültig ins Traumland abzutauchen!

Mein letzter Gedanke nach diesem langen, langen Tag:" Morgen kann eigentlich nur besser werden!"
10.12.14 21:45
 
Letzte Einträge: Unter Aufschneidern, Alles so schön bunt hier....


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