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Über

Das Leben ist ein Spielplatz...

Alter: 43
aus: 37213 Witzenhausen
 

Mehr über mich...

Als ich noch jung war...:
bedeutete *sich verabschieden* nur bis zum naechsten Tag!

Wenn ich mal groß bin...:
bin ich noch lange nicht erwachsen!!

Ich glaube...:
Gott hat einen wahnsinnig schraegen Sinn fuer Humor...

Ich liebe...:
Menschen!!
Trotz allem und Fuer alles!



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Blog

Alles so schön bunt hier....

Drogen unter Aufsicht sind übrigens ne prima Sache...die Welt wird irgendwie weicher, die Menschen werden schöner und alle Geräusche werden in Watte gepackt!! Ein bißchen wie nach dem 3ten Bier und 2ten Schnaps...und alleine laufen kann man dann auch nicht mehr!

Aber wie nach jedem Rausch ist das Aufwachen übel...und diesmal RICHTIG übel!!

Mein ganzer Körper schüttelt und zuckt unkontrolliert, ich friere, als hätte ich die letzten Stunden nackt im Schnee verbracht. Ich hab in der rechten Schulter tierische Schmerzen, als wäre sie mindestens 3x gebrochen oder zumindest ganz übel ausgekugelt.

Mein Oberkörper ist schulterabwärts gnädigerweise noch betäubt. Mir ist schlecht, mein Schädel brummt und die hektische Betriebsamkeit rund um mein Bett trägt nicht grade zu meiner Beruhigung bei.

Aber am miesesten ist momentan die Kälte und das Zittern!! Mein überstrapazierter Körper hat offensichtlich auch endgültig die Schnauze voll und reagiert mal eben komplett über auf das erneute Trauma der OP.

Noch halb im Tran bekomme ich mit, das mir über den Zugang am Arm was gespritzt wird und das eine mitleidige Schwester mir tatsächlich eine Wärmedecke über legt!

Ich glaube, ich hab schon ewig nicht mehr soviel Dankbarkeit empfunden wie in diesem Moment! Ob es das gespritzte Medikament oder tatsächlich die Wärmedecke ist, weiß ich im nachhinein nicht mehr...aber eines von beiden tut seine Wirkung und um mich herum wird es wieder dunkel!

Als ich das nächste Mal die Augen aufschlage, bin ich Pflegestufe 100...oder so!!

Ich lieg -wie man in Nordhessen so schön sagt- *plitschebreit* auf dem Rücken..komplett bewegungsunfähig!! Neben dem üblichen EKG und Sauerstoffmessgeräten war ich obendrein noch angeschlossen an den Schmerzkatheter (über das Rückenmark), an jedem Arm einen Infusionszugang, ein Blasenkatheter und (am unangenehmsten) unterhalb meiner rechten Brust waren noch zwei etwa Zeigefingerdicke Schläuche angebracht.

Der Eine sollte die Wundflüssigkeit abtransportiern, der Andere dafür sorgen, das mein rechter Lungenflügel ausreichend be- oder entlüftet wird (ich weiß es garnicht mehr, was jetzt genau).

Der Chirurg schaute noch mal kurz bei mir vorbei (REINgeschaut hatte er ja vorher schon...ha ha ha!) und erklärte mir, daß er gegen die Schmerzen in der Schulter jetzt gar nichts machen könne, da ich mit meiner derzeitigen Dosis an Schmerzmitteln schon am oberen Limit wäre!

Die Schmerzen kämen übrigens daher, das ich während der OP auf die Seite gedreht worden wäre und damit man an das Operationsfeld heran käme, wäre der rechte Arm dann über den Kopf nach oben gedreht und für die gesamte OP-Zeit so gehalten worden!!

Aha....wieder ein Bild mehr in meinem Kopf, das man SO nicht wirklich braucht.

Und ausserdem, so erfuhr ich weiter, wurde beim Öffnen des Brustkorbs wohl eine Rippe angebrochen, was aber nicht unüblich sei und auch von alleine wieder heilen würde!! Im Rahmen der "Oberkörper-Schliessung" sei dieser Bruch aber ordnungsgemäß gerichtet worden!!

Nochmal: Aha...das hört man doch gerne!!

Jetzt lag ich also da: wie eine Schildkröte, die ein grausames Kind auf den Rücken gelegt hat. Total bewegungsunfähig und hilflos!

In dieser Situation bekomme ich einen kleinen Einblick darauf, wie es sein muss, wenn man alt, krank und hilfebedürftig in einem Pflegeheim auf das Ende warten muss!! Angewiesen auf die Aufmerksamkeit und das Mitgefühl einer guten Seele, die ganz schnell den Unterschied zwischen Menschenwürde und Belastung definieren kann!!

Ich hab seit jeher einen riesigen, aufrichtigen Respekt für alle Menschen, die in Krankenhäusern, Altenheimen, Hospizen, Pflegeeinrichtungen und auch privaten Pflegediensten einen sowohl körperlich als auch emotional höchst kräfteraubenden Job machen - und das im Regelfall für einen regelrechten Hungerlohn!!

Aber noch nie war mir deren Wichtigkeit und Richtigkeit so dermaßen bewusst, wie an diesen zwei Tagen als ich komplett auf deren Hilfe angewiesen war!!

Ich konnte GARNIX in diesen zwei Tagen!! Eine nette junge Pflegerin, die rein körperlich grad mal gefühlt die Hälfte von mir war, musste mich vom Zähneputzen übers Waschen bis zum Verbandswechsel komplett versorgen. Und sie hat das mit so einer Professionalität, Freundlichkeit und Herzenswärme hingekriegt, das ich mir nicht einmal wie das Stück Fleisch, das gewaschen werden muss gefühlt hab, sondern immer als Mensch mit Würde und Ehrgefühl!!

Schon alleine deshalb nochmal: Ein HOCH auf alle Pflegekräfte!!

Ich wünschte mir wirklich, das die Menschen, die sich um unsere Alten, Kranken und um unsere Kinder kümmern irgendwann mal genauso gut (wenn nicht, noch besser) bezahlt werden wie die Leute, die sich um unser Geld kümmern!

Das Allerbeste an Schmerzen ist das Folgende: Sie gehen irgendwann vorüber, verblassen langsam und sind irgendwann nur noch eine unangenehme Erinnerung!

Bei mir wurde es ab Tag 3 besser!! Das Schultergelenk hatte wieder zurück in seine ursprüngliche Pfanne gefunden und hörte endlich auf zu meckern. Die zwei Infusionszugänge waren entfernt worden und ich hatte wenigstens beide Hände wieder frei. Ich war zurück in meinem Zimmer, hatte immer noch keinen Bettnachbarn und der Schmerzkatheter in meinem Rücken tat zuverlässig sein Werk.

Die Physiotherapeutin hatte mich schon einmal aus dem Bett gejagt und den kleinen Klinik-Marathon (vom Bett zur Zimmertür und wieder zurück) hatte ich trotz der immer noch an mir befestigten Rest-Apperaturen in einer einigermassen respektablen Zeit absolviert!

Den Gang über den Krankenhaus- Flur hatte ich verweigert, weil ich a.) immer noch nix anderes als das Krankenhaus-Hemdchen tragen konnte und b.) ich definitiv keinen Bock hatte, mein Pipi in einem Klarsichtbeutel zur allgemeinen Besichtigung freizugeben!!

Halloooo...ich bin immer noch eine Dame!!

Wer sich allerdings ein bißchen bitten ließ, war der für die mühsam gewonnene Gewebeprobe zuständige Laborant!! Der war dieser Tage besonders gründlich und ließ sich auch zu keinem vorläufigen Ergebnis hinreißen!

Zum Glück war ich abgelenkt genug mit der Aufgabe, mich mal langsam wieder zu einem WLAN- Modell (also kabellos) zurück zu verwandeln!

Da ich mich nach wie vor tapfer an die ärztlichen Anweisungen hielt, bekam ich als Gegenleistung das Hoch-und-Heilig- Versprechen des Chefarztes, mich am nächsten Tag zumindest von dem Blasenkatheter zu befreien. Und wenn das gut klappen würde, dann am übernächsten Tag vom Schmerzkatheter!! Yeeeah...das war doch mal was!!

Am Abend bin ich dann der Nachtschwester auch noch mal tüchtig auf den Nerv gegangen, indem ich mir von ihr noch 5mal versichern liess, das die versprochene Katheter-Entfernung noch vor dem Wechsel in die Frühschicht ihre wichtigste Amtshandlung sei!!

Ab halb sechs morgens war ich dann auch putzmunter und wartete auf den Moment der Befreiung wie ein Kind auf den Weihnachtsmann!!
Die Schwester konnte sich dann auch ein Grinsen nicht verkneifen, als sie dann um kurz vor 6 die Tür öffnete und mich halb aufgerichtet im Bett vorfand. Sogar gekämmt hatte ich mich, um dem Moment die angebrachte Feierlichkeit zu verleihen!!

Es gab zwar weder einen Tusch noch ein Feuerwerk...auch ein Kinderchor hat nicht *hallelujah* gesungen.. - aber mit zwei geübten Handgriffen war ich vom größten mir bekannten Würde-Räuber befreit!!

Ich konnte wieder zwei Schritte gehen ohne über einen Plastikschlauch zu stolpern. Ich konnte wieder einen Schlüpfer anziehen!! Ich konnte wieder eine HOSE anziehen!!
Obenrum war zwar immer noch Kittel angesagt wegen meinen Be- und Entlüftungsschläuchen....aber: ein Königreich für eine Hose!!

Überhaupt: der Schnitt am Oberkörper!!

Mittlerweile nenn ich ihn ja liebevoll meine *Pornonarbe*, da der Chirurg ihn kosmetisch unauffällig direkt unterhalb der Brust angesetzt hat und er letztendlich ein wenig an die Narben erinnert, die viele Damen aus dieser Branche aufgrund einer Vergrößerung ihrer sekundären Geschlechtsmerkmale aufzuweisen haben...bei mir hat´s halt nur für eine Seite gereicht!

Da der angebrachte Schnitt jedoch bei mir wesentlich tiefer ging als bei dem oben beschriebenen Eingriff, waren neben der Haut auch der tragende Muskel und vor allem die betroffenen Nerven durchtrennt worden.

Jetzt, wo die Nerven so langsam anfingen, wieder zusammen zu wachsen und sich neu zu bilden, hatte ich grade anfangs sehr merkwürdige Begleiterscheinungen!! So habe ich zum Beispiel immer wieder zwischendurch kalte Schweissausbrüche bekommen...aber NUR auf der rechten Seite!!

Die linke Seite (auch im Gesicht) war vollkommen wohl temperiert und schweißfrei und die komplette rechte Seite war wie in einem Schockzustand kaltnass durchgesuppt!

Generell hatte ich mit den Nachwirkungen dieses Eingriffs sehr lange zu kämpfen. Der noch nicht wieder einsatzbereite Brustmuskel (und wer mich kennt weiß, das dieser bisher eine nicht zu unterschätzende Arbeit geleistet hat) konnte die Brust nicht tragen...bzw. nicht ohne Schmerzen tragen.

Lange Zeit musste ich (außer im Liegen) meine T-Rex Haltung im Sitzen, Stehen oder Gehen einnehmen!

T-Rex Haltung bedeutete: im Stehen den rechten Arm dicht an den Körper gepresst und angewinkelt, so dass die Fingerspitzen der rechten Hand zur Schulter zeigen. Damit war durch den rechten Oberarm die Brust nochmal extra ge- und unterstützt und der arme geschundene Muskel musste diesen Job nicht alleine machen! Eine ähnlich damenhafte Variante davon war, die rechte Hand einfach *die Sache in die Hand nehmen zu lassen* und Mrs. Mops direkt festzuhalten.

Hach ja...sweet Memories!! Schön, wenn man inzwischen fast wieder drüber lachen kann!

Nun ja...immerhin war ich meinem Vorsatz "Corinna WLAN" heute ein großes Stück näher gekommen!

Der nächste Schritt sollte die Entfernung des Schmerzkatheters sein!!

Damit ich nicht von 100 auf 0 mit den Schmerzmitteln runterfalle, sollte das ganze schrittweise passieren!! Ab 06:00 Uhr morgens sollte die Pumpe abgestellt werden, dann bis um 10:00 Uhr abwarten.

Sollten bis dahin keine wahnsinnigen Schmerzen aufgetreten sein, sollte der Katheter entfernt und ich übergangsweise noch mal Schmerzmittel in Tablettenform bekommen!!

Der 06:00 Uhr und der 10:00 Uhr Schritt funktionierten einwandfrei.

Pumpe und Schläuchlein waren abgestellt bzw entfernt worden, ich hatte endlich ein frisches Kittelchen (Be- und Entlüftung waren ja noch vorhanden) sowie eigene Unterwäsche und eine eigene Trainingshose an.

Um kurz nach 10:00 Uhr warf ich mir dann die Pille ein!!!

Und es begann der Trip meines Lebens!!

Offenbar handelte es sich bei besagtem Medikament um die ganz große Schwester der *scheissegal- Pille*, die es vor OP´s gibt!!

Plötzlich war mein ganzer Körper wie in eine weiche Schwebewolke gehüllt, mein Kopf schien leicht zu sein wie ein Federchen im Wind...und ebenso heiter und losgelöst erschien mir meine komplette Gedankenwelt!

Die Reinigungsfrau war wunderschön, ihr Putzwasser schillerte wie Regenbögen und alles in meinem direkten Blickfeld war in glitzernden Feenstaub gehüllt!!

Ich sass hemmungslos giggelnd (weil alles so SCHÖN war) in dem Sessel neben meinem Bett und bewunderte die Intensivität und Schönheit meiner wackelnden Zehen, die irgendwo weit, weit unter mir das Wunderwerk der Grobmotorik vollzogen.

Kurz, ich war die Königin von Alles!!

In diesem Zustand traf mich dann auch die Physiotherapeutin an, die eigentlich mit mir spazieren gehen wollte (diesmal pipifrei über den Flur) aber nachdem ich ihr mit stecknadelgroßen Pupillen mitgeteilt hatte: "Ich kann jetzt nicht laufen....ich FLIEEEEGE grade" gefolgt von einem unmotivierten Kicheranfall entschied sie sich spontan dazu, den geplanten Spaziergang nochmal um ein paar Stunden zu verschieben!

Auch die tägliche Visite nahm ich noch huldvoll lächelnd aus meiner erhöhten Thronposition entgegen!! Alles war toll, alles war entspannt, alles war wunder- wunderschön!!!

Wie eingangs schon erwähnt...einen kleinen Trip unter ärztlicher Aufsicht kann ich nur empfehlen!! Ansonsten natürlich: Finger weg von Drogen, Kinder!!

Zwei Stunden später war ich wieder in der Realität gelandet...zwar sanft und mit Fallschirm...aber ohne Feenstaub und Regenbögen!!

Hatte der Oberarzt nicht vorhin gesagt, das er im Laufe des Nachmittags die endgültigen Biopsie- Ergebnisse erwarte??

Ich muss ehrlich gestehen: so blöde, wie es klingt: ich hatte mittlerweile mehr Angst davor, daß sie wieder nichts gefunden hätten als vor der Bestätigung der Diagnose Krebs!

Nichts zu finden hätte bedeutet: noch mehr Tests, noch mehr OP´s, noch mehr Ungewissheit!!

Eine feststehende Diagnose hingegen würde bedeuten, das all die Strapazen, Schmerzen und Mühen nicht umsonst gewesen wären und das man endlich den Feind beim Namen kennt und anfangen kann, ihn zu bekämpfen!

Pünktlich zur Kaffeezeit war es dann tatsächlich soweit: die Weißkittel-Armee rauschte in mein Zimmer, versicherte sich nochmal dass ich inzwischen nicht mehr High war und kam dann zur Sache!

"Frau Nell...unser Verdacht hat sich leider bestätigt! Die zuletzt entnommene Probe enthalten eindeutig die vermuteten Reed-Sternberg Zellen! Sie haben Lymphdrüsenkrebs!!"

Scheiße!! SCHEIßE! Scheißescheißescheiße!!!!

Seltsamerweise war ich in diesem Moment mehr wütend als geschockt oder ängstlich!!

Ich war sauer auf meinen Körper, auf meine Organe, auf meine Lymphdrüsen!! Was sollte denn dieser Mist??

Okay..ich war vielleicht nicht immer in diesem *Mein Körper ist ein Tempel*- Modus und von einem zurückhaltenden und asketischen Leben war ich auch die meiste Zeit meilenweit entfernt!!

Aber ich hatte doch meinen Denkzettel schon bekommen!!

Ich hatte doch schon mit Schmerzen und unsagbaren Kummer über verpasste Chancen und mögliche "wenn"s für meine Fehler bezahlt!!
Und ich hatte Narben, mit denen ich das beweisen konnte!

Hauptsächlich fand ich das alles unsagbar ungerecht!! Und Ungerechtigkeiten haben mich schon immer mehr wütend gemacht als alle anderen Missstände im Leben.

Mir tat der Gedanke unsagbar weh, meinen Eltern, meiner Schwester und meinen wenigen echten Freunden wieder die Sorge und den Kummer antun zu müssen, nachdem wir den ganzen Mist schon einmal durchgestanden hatten und eigentlich das Gefühl hatten endlich wieder durchatmen zu können!!

Ich wollte das alles nicht!! Nicht schon wieder! Nicht nochmal!

Im nachhinein muss ich sagen, das dieser Tag der einzige war, an dem ich mich mit der "Warum ich?" Frage beschäftigt habe!!

Und zwar aus dem Grund weil mir relativ schnell bewusst war, das die einzig mögliche Gegenfrage nur lauten konnte: "Wer denn sonst?"

Niemanden, wirklich NIEMANDEN würde man diese Last aufbürden wollen.

Und ich bin auch ganz weit weg von jedem Märtyrerdenken...aber wenn es jemanden aus meinem Herzensumfeld treffen MUSS - dann doch am liebsten mich!!

Heute glaube ich, das es mich erwischt hat, weil ich die besten Voraussetzungen hatte um die Krankheit zu überwinden und zu besiegen! Weil ich in der Lage war, sowohl körperlich als auch seelisch zwar angezählt aber ungeschlagen daraus hervorgehen zu können!

Vielleicht ging es um eine Lektion die ich noch zu lernen hatte! Vielleicht sollte ich daran wachsen!

WISSEN tue ich es bis heute nicht...aber dafür bin ich eventuell auch noch zu nah dran! Mit ein wenig mehr Abstand werden ja oftmals die Dinge viel logischer und greifbarer!

An diesem Tag allerdings fühlte ich mich vom Leben verspottet!

Der einzige, aber dafür wirklich relevante Trost für mich war, das es jetzt endlich losgehen konnte und wir (die Ärzte, meine Familie und ich) dem Krebs ein weiteres Mal gehörig in den Arsch treten konnten!!
1.3.15 21:06


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Unter Aufschneidern

Der nächste Morgen IST besser!!

Zumindest fängt er besser an!
Nach den dringend benötigten paar Stunden Schlaf wurde ich nicht nur von den Monitoren abgestöpselt - ich durfte sogar alleine aufstehen und auf Toilette (langsam, langsam---aber alleine) und sogar ein halbwegs ordentliches Frühstück wurde genehmigt und verputzt.

Mittlerweile war ich dann auch in Zimmer in der Chirurgie verlegt worden, wo der größte denkbare Luxus auf mich wartete:

1. - meine Brille (Hurrrrraaaaa....es werde Licht!!!)
2.- meine eigenen Klamotten!!

Ich schwöre: es gibt kein vergleichbares Gefühl zu dem, wie es ist, das praktische Krankenhauskittelchen von sich zu werfen und in seine eigenen Kleider zu schlüpfen!!

Durch einen glücklichen Zufall hatte ich sogar ein Zimmer für mich alleine!

Zumindest für eine knappe Viertelstunde- da öffnete sich plötzlich die Zimmertür und gefühlt die komplette Krankenhausbelegschaft versammelte sich um mein Bett.

Chefarzt, Oberarzt, diverse Assistenz-Ärzte, Krankenschwestern, Pfleger und noch ein paar dünne höchstens 14jährige Kinder, denen man einen viel zu großen weißen Kittel übergeworfen hatte - und die sich dann als Studenten herausstellten.

Ah ja...Lehrkrankenhaus- jeder darf mal gucken!! Oookay!

Der Chefarzt Prof. Ghadami ergriff das Wort, stellte sich vor und er und seine Entourage liessen sich von mir noch mal die ganze Vorgeschichte erzählen!

Beim Blick durch mein Publikum entdeckte ich zu meiner Überraschung sogar ein paar Vertraute Gesichter: Frau Doktor Conradi und Herrn Dr.Homayounfar, die mich am Spätnachmittag vorher (war das wirklich erst gestern??) als diensthabende Assistenz-Ärztin und zuständiger Oberarzt in der Notaufnahme in Empfang genommen hatten...was ich persönlich bis heute noch als echten Glücksfall empfinde - denn ich bin quasi durch puren Zufall mit meiner Noteinweisung direkt an die richtigen Ärzte geraten. (Manchmal muss man auch mal Glück haben!)

Prof. Ghadami hörte mir zu, nickte kurz und teilte mir nun seine vorläufige Meinung mit: "Frau Nell, ich fürchte, der Kollege hat mit seiner Einschätzung, das wir es mit einem Hodgkins Lymphom zu tun haben, recht!! Das Laborergebnis liegt zwar noch nicht vor - aber alle Anzeichen deuten darauf hin! Wissen sie denn eigentlich, was ein Hodgkins ist?"

Da ich plötzlich wieder den dicken Kloß im Hals hatte, schüttelte ich nur stumm den Kopf!

"Das Hodgkins Lymphom ist eine bösartige Erkrankung der Lymphdrüsen! Meistens im Hals/ Thorax Bereich, weniger oft im Bereich der Leisten! Es gibt 4 verschiedene Stadien, die in sich noch unterteilt sind in A und B Stadien....abhängig davon, ob ausser den Lymphdrüsen noch andere Organe oder gar das Knochenmark befallen sind! Die gute Nachricht dabei ist, das alle Stadien verhältnissmässig gut zu therapieren sind und sogar bei einem 4b Stadium die Heilungschancen noch bei über 70% liegen!"

70%!!! Sollte mich das jetzt trösten? Wenn mein Handy nur noch 70% Akku hat, fang ich schon hektisch an, nach einer Steckdose zu suchen!

Und jetzt für mich, für mein Leben: schlimmstenfalls 70% Überlebenschance??

Verdammt, ich bin doch grad erst 40 Jahre alt!!
Ich war noch nie ausserhalb Europas!
Ich will Barcelona sehen!
Ich will mit meinem 5jährigen Neffen ein Bier trinken gehen, wenn er alt genug ist!
Ich will die goldene Hochzeit meiner Eltern feiern!
Ich will vielleicht selbst noch mal jemanden finden, der mutig und verrückt genug ist, mit mir alt werden zu wollen!

Ich will ALT werden!!!

Der Kloß im Hals wird immer dicker...aber ich will jetzt vor versammelter Belegschaft auch nicht die Heulsuse geben!!

Der Prof. ist großartig! Er setzt sich auf meine Bettkante und hält mir für einen Moment die Hand! Manchmal braucht es gar nicht mehr!
Keine Worte, keine Ratschläge, kein *na na*...einfach nur present sein, mehr nicht!

"Machen sie sich jetzt erstmal nicht ZU verrückt! Ich weiß, das grade mit ihrer Vorgeschichte das Ganze ein ziemlicher Schlag ist- aber sie haben das 1. Mal so gut überstanden...sie schaffen auch das zweite Mal!!"

Die komplette Entourage im Zimmer nickt eifrig zustimmend - und dieser Anblick ist so absurd, dass ich tatsächlich schon wieder fast grinsen muss!!
Wie ein Rudel weißbekittelter Wackel- Dackel!! Nur netter...viiieeel netter!!

Und ausserdem: der Prof hat ja Recht- wir haben ja noch nicht mal die Laborergebnisse!!

Mein *Wird-schon-gut-gehen*- Modus springt langsam wieder an!! Erstmal abwarten...wahrscheinlich alles halb so wild...usw. usw.

Nachmittags kommt meine Mutter zu Besuch!

Ich bin mittlerweile erstaunlich fit- sogar die Drainage an meinem Hals konnte inzwischen entfernt werden und außer einem Riesenpflaster an meinem Hals und dem immer noch vorhandenen ZVK an meiner rechten Hand merkt man mir von der OP nicht wirklich was an!!

Natürlich ist auch sie noch erschrocken von der Entwicklung der Dinge.

"Was MACHST du denn für Dinger? Wie GEHTS dir denn? Was ist denn jetzt eigentlich los?"

Ich geb ihr eine kurze Zusammenfassung der letzten Stunden und umkreise dabei auch langsam die wahrscheinlich bevorstehende Diagnose.

Allerdings immer noch in vorsichtiger Konjunktiv- Form: könnte, hätte, sollte, müsste, eventuell, vielleicht!
Und ausserdem: erstmal abwarten, was das Labor sagt!

Das behutsame Umkreisen des Themas nutzt natürlich gar nichts:
Mama wird immer blasser und die Augen immer größer!
Obwohl es keiner von uns das Wort tatsächlich ausspricht, schwebt es trotzdem wie eine riesige, kitschige, blinkende Leuchtreklame im Raum über unseren Köpfen:

KREBS KREBS KREBS

Ohne weitere Worte einigen wir uns stumm darauf, bei unserem bisherigen, fast gebetsähnlichem Motto zu bleiben:
"Erstmal auf die Laborwerte warten! Erstmal auf die Laborergebnisse warten.."

Nach einer knappen Stunde muss sie wieder gehen und ich warte weiterhin auf Nachricht vom Labor!

Am späten Nachmittag ist es dann soweit: der Herr Professor tritt mit wichtig aussehenden Papieren in der Hand in mein Zimmer!! Sein Gesicht gefällt mir grade nicht...überhaupt nicht!!

"Tja, Frau Nell", setzt er an "also...wir haben keine Hodgkins Zellen gefunden!"

BÄMM!!!

Ich bin komplett geflasht und fange unvorsichtigerweise an, mich zu freuen!! "Haaah....doch nur ne Entzündung?? Ich hab´s doch gewusst!!"

"Nein, nein", fängt er meinen Höhenflug gleich wieder ein, " das heisst lediglich, das wir in DIESER Gewebeprobe aus ihrem Abszeß keine Hodgkins Zellen finden konnten!! Wir müssen leider noch mal operieren.. diesmal versuchen wir es über das Schlüsselbein -wir müssen tiefer ran!"

WAAASS??? Wie jetzt?? Nochmal operieren?? Och nööööö.....
Können wir uns nicht einfach darauf einigen, das alles ein großer Irrtum war und ich gesund und munter heimwärts hüpfen darf??

Nein..können wir nicht!!

Mir wird ausführlich erklärt, warum und wieso der Labornachweis unbedingt notwendig ist und was es für Folgen hätte, wenn der Hodgkins unbehandelt bliebe! Und das klingt alles nicht schön!!

DAS er da ist, ist mittlerweile wohl unumstritten...die bösen Zellen müssen nur zwingend ermittelt und nachgewiesen werden, da sich anhand dieser Zellen die Art und Weise der Therapie entwickelt!!

Schweren Herzens willige ich schliesslich ein!
Bleibt mir ja auch nix anderes übrig!! Immerhin soll ich mich übers Wochenende noch ein wenig erholen und direkt am Montag morgen ist dann der nächste OP-Termin!

Gefrustet rufe ich zu Hause an und verkünde die *Frohe Botschaft*
Die Begeisterung dort hält sich natürlich auch in Grenzen.

Wenigstens kann ich mich frei bewegen, hab derzeit keine Schmerzen und kann endlose Runden im weitläufigen Klinikgelände drehen.

Das Wetter ist schön, die Vögelchen pfeifen...und ich renn mit meinem Halspflaster immer rund ums Klinikgelände!!

Nebenbei lerne ich auch die Mitarbeiter *meiner* Station kennen.

Eines vorneweg: ich habe während meiner sämtlichen Aufenthalte (ob stationär oder ambulant) nicht EINEN Mitarbeiter kennengelernt, der irgendwie blöd oder unsymphatisch oder gar unbehilflich war!

Vom Chefarzt bis Schwesternschülerin waren durch die Bank weg ALLE unglaublich nett, wahnsinnig kompetent und sowohl im fachlichen als auch im menschlichen durchweg großartig!

Und: alle Fernsehserien haben recht - Chirurgen sind ein ganz spezielles Volk! Flink und virtous mit dem Messer, ein bisschen schnoddrig im Umgangston, ziemlich von sich überzeugt und keine Freunde von blumigen Umschreibungen!!

Kurz: genau der Menschenschlag, mit dem ich am besten klarkomme!!

Sonntags kam der für mich schlimmste Teil einer Operation: das Aufklärungsgespräch!!

HILFE...ich und mein Kopfkino WOLLEN das im Detail vorher garnicht soooo detailliert wissen, wer wo was aufschneidet und was dabei alles schief gehen kann!!
Mir für meinen Teil würde es vollkommen genügen, wenn jemand sagt: So...wir schnippeln jetzt ein bisschen an dir rum- kann gutgehen - muss aber nicht!! Bitte hier unterschreiben!

Hinterher kann ich mir gerne Fotos, Videos, Powerpoint-Präsentationen von meiner eigenen OP angucken...aber vorher will ich am allerliebsten gar nix wissen!!

Der nette Assistenzarzt erläutert mir also ausführlich, was alles so schiefgehen kann und ich habe spontan innerlich auf *la la la la* umgeschaltet, weil ich von dem Elend gar nix hören will!

Trotzdem nicke ich brav und unterschreibe den *Die- Totgeweihten-grüßen- dich* - Zettel.

Am nächsten Morgen dann das bekannte Spiel: Kittelchen an, Häubchen auf, Scheissegal- Pille rein....los geht die wilde Fahrt!!

Offensichtlich tritt keiner der beschriebenen Katastrophen- Fälle ein - ich wache nämlich wieder auf und hab ausser dem mittlerweile fast vertrauten After-Drogen-Schädel auch keine weiteren Probleme!!

Diesmal darf ich sogar ohne Umweg über die Überwachungsstation zurück auf mein Zimmer...wahrscheinlich hat sich das mit meinem Post-OP-Schnarchen schon rumgesprochen und ich soll meinen Mitpatienten erspart bleiben!

Der Rest Routine: ausschlafen, wach werden, Schläuche ab, eigene Sachen anziehen, Laborwerte abwarten!!

Überhaupt: diese Warterei!! Dieses ständige Hin- und Her zwischen Ungeduld und Furcht vor dem Ergebnis. Dieser permanente Schwebezustand zwischen Hoffen und Bangen...das ist fies...richtig fies!!

Meine Nerven sind kurz vorm Ende - die gute Laune aufrecht zu erhalten wird immer schwieriger!

Am Dienstag mittag dann die heißersehnten Laborwerte!!

UND....wieder nix!!!!!!! Nur Entzündungs-Indikatoren und der Rest bereits nekrotisches Gewebe!!

Auch die Ärzte sind mit diesem Ergebnis unzufrieden! Dieser verdammte Dreckskerl muss doch irgendwie zu fassen sein!! Das gibt´s doch garnicht!!

Ich ahne, was als nächstes auf mich zukommen würde und da kommt der gefürchtete Satz auch schon:"Frau Nell...so leid es mir tut- wir müssen nochmal ran - dieses Mal von der Seite durch die Rippen!!"

Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich mich wirklich tapfer gehalten:

ich hab nicht gejammert, ich hab nicht gemeckert, ich hab widerstandslos alle notwendigen Prozeduren über mich ergehen lassen...aber JETZT ist das gute Bier alle!!

Ich will nicht mehr! Ich hasse euch alle!! Ich unterstelle zwielichtige Gründe für die Rumschnippelei!

Und ich heulte!! Heulte, heulte, heulte...wie ein kleines Kind!! Und einmal damit angefangen, konnte ich auch erstmal nicht mehr aufhören!

Und als hätte sie es geahnt, ruft in dem Moment meine Schwester an...einfach, um zu hören, wie es so geht!! Ich kann grad noch so *Nochmal* und *OP* zwischen zwei Schluchzern rausstammeln und dann brechen weiter alle Dämme und ich heule weiter wie ein Schloßhund, während Jule nichts anderes übrig bleibt, als beruhigend auf mich einzureden und zu versuchen, die Tränenflut ein bisschen einzudämmen!

Ich weiß heute nicht mehr genau, was sie alles gesagt hat, aber irgendwie schien es durchzudringen und nachdem sie versprochen hatte, nach Feierabend gemeinsam mit Mama noch mal vorbei zu kommen, ist der große Zusammenbruch erstmal zumindest wieder beruhigt!

Trotzdem: die Moral liegt kotzend am Boden! Ich bin wie stumpf!! Alles was vorher noch zuviel an Emotionen da war, ist plötzlich wie abgestorben!

Selbst die Tatsache, das der engagierte, aber noch nicht sehr praxiserfahrene Student drei Versuche verbraucht um erneut einen ZVK am Handrücken zu legen - um dann doch einen RICHTIGEN Arzt rufen zu müssen, der mir dann endgültig den Bluterguß meines Lebens verpasst (aber die Nadel sitzt), entlockt mir nur noch ein resigniertes Achselzucken!!

Mir ist nämlich an diesem Tag völlig klar, das sich das komplette Gesundheitswesen gegen mich verschworen hat und lediglich darauf aus ist, mir in irgendeiner Form Schmerzen zu zu fügen!

Das gefürchtete Aufklärungsgespräch hat es diesmal richtig in sich!

Und da ich immer noch emotional so *tot* war, hat auch diesmal die *la la la la* - Taste in meinem Kopf nicht funktioniert.

Deshalb bekomm ich in aller Deutlichkeit mit, was mir da erzählt wird: Rippen brechen, Lungen kollabieren, Muskeln und Nerven werden durchtrennt, eventueller Verlust der Nervenfunktionen am Brustkorb, vielleicht nur vorübergehend- vielleicht aber auch für immer, Schmerzkatheter im Rückenmark, Blasenkatheter, mindestens 3 Tage flach liegen.... jedes einzelne Detail!!

Bevor ich dann letztendlich unterschreibe ("Ist ja eh alles egal") raffe ich mich noch zu einer kleinen Drohung auf!! "Okay...einmal dürft ihr noch!! Aber wenn ihr jetzt wieder nichts findet- spazier ich hier raus und komme nie, nie wieder!! Und wenn ich tot umfalle!! Mir langt´s!"

Am nächsten Morgen geht es los!!

Traditionsgemäß mit Kittelchen und Häubchen bekleidet werde ich in den OP- Bereich kutschiert und direkt zu den Anästhesisten gebracht, da mir der Schmerzkatheter, der mir die postoperativen Schmerzen ersparen soll, noch unbekifft verpasst werden soll!

Wer ihn nicht kennt: der Schmerzkatheter funktioniert ähnlich wie eine Rückenmarksnarkose, z.B. bei Kaiserschnitten!! Über einen Katheter und eine kleine Pumpe wird kontinuierlich Schmerzmittel in den betroffenen Bereich verabreicht! Für eventuelle Schmerzspitzen (wenn es ganz schlimm wird) gibt´s dann über ne Handpumpe per Knopfdruck noch mal ne Extraportion!! Vorteil dabei ist wohl, das nur der betroffene Bereich betäubt ist und nicht der komplette Körper!! Man wird schneller wieder fit und zumindest geistig wach!

Trotzdem: das Ding muss ja erstmal gelegt werden!!

Mittlerweile hatte sich wohl schon rumgesprochen, das ich bis dato immer relativ unzickig auf studentische Bemühungen reagiert habe und nicht so furchtbar empfindlich war! Jedenfalls ist der junge Mann, der sich hinter meinem Rücken so redlich abmüht - ein Student!!

Der Chef der Drogenabteilung weist ihn noch kurz ein, zeigt ihm die richtige Stelle, wo die Nadel rein muss und lässt ihn dann erstmal machen!

Was soll ich sagen - es klappt nicht! Beim ersten Mal nicht, beim zweiten Mal nicht...und beim dritten Mal auch nicht!! Als er dann zum dritten Mal alleine die örtliche Betäubung nachspritzen muss, hat sowohl er ein Einsehen als auch ich die Schnauze endgültig voll!!

Schluss mit nett...Schluss, aus, Mickey Maus!!!

Der Drogenchef wurde aus dem anderen OP zurück gerufen, nimmt die Angelegenheit in die Hand und *zack bumm* sitzt der Katheter, da wo er sein soll und ich kann mir ein erleichtertes "Ich glaube, ich liebe sie!" nicht verkneifen!!

Kurz danach wird dieses Gefühl der Liebe noch mal kurz gesteigert, als mir durch den Handrücken endlich das GUTE Zeug gespritzt wird und ich auf meinen mittlerweile dritten Trip innerhalb von 10 Tagen davonschwebe!!
15.2.15 20:53


Die Maschine mit dem *Bing*

Das Erste, das wieder bewusst funkioniert, sind die Ohren.

"Frau Nell?"
"Frau Nell? Machen sie mal die Augen auf!"

Ich kenne die fremde Stimme nicht und beschliesse deshalb vorsichtshalber, die Augen zu zu lassen und gebe lediglich ein undefinierbares Geräusch von mir, welches nur mit viel gutem Willen und einer langjährigen Erfahrung als OP-Schwester als *Lebenszeichen* einzuordnen ist!

Die Stimme lässt nicht locker:
"Frau Nell!! Operation ist vorbei - ist alles gut verlaufen!"

Gut verlaufen...haha!! Und warum fühle ich mich dann wie drei Tage Fassenacht in Mainz...nur beschissener?

Mein Schädel brummt, mein Hals tut weh, alles riecht komisch und ich hab eine Wüste und ein verendetes Pelztier in meinem Mund!

"Na kommen sie, Frau Nell...machen sie mal die Äuglein auf!"

ÄUGLEIN!!! Ich merk schon...die ist hartnäckig!!

Widerwillig öffne ich jetzt doch vorsichtig erst das eine, dann das andere Auge - und schaue direkt in das freundliche Gesicht einer grün gekleideten Dame Mitte Fünfzig!

"Na...da isse ja!", strahlt sie mich an und streichelt mir mit dem Handrücken ein paarmal mütterlich über die Wange!
Soviel Begeisterung und Lob für das reine Öffnen meiner Augen hab ich schon lange nicht erhalten und ich entscheide mich dann doch noch, der netten Frau zu antworten.

"Hallo!" Himmel...war das MEINE Stimme?? Klang eigentlich mehr nach Darth Vader als nach mir, aber die nette Frau schien das nicht zu stören!

*Haben sie Schmerzen?"
"Nein!"
"Wissen sie, wo sie sind?"
Naja..so ungefähr- Koordinaten hab ich keine, aber zum Glück lässt sie "Krankenhaus! Göttingen!" als Antwort gelten.

Ich steh noch total neben mir und obendrein auch unter Drogen, aber bevor ich wieder nach Propofol- City abdriften kann, muss ich noch weitere gefühlte 800 Fragen beantworten!

Das nächste Mal werd ich wach, weil sich mein Bett in Bewegung gesetzt hat! Huch...Peterchens Mondfahrt?? Nein...lediglich der Transport vom Aufwachraum in die Überwachungsstation!

Ich hab überhaupt kein Zeitgefühl! Es könnte 4 Uhr morgens sein, aber auch 15 Uhr nachmittags! Auf den Fluren gibt es keine Fenster und ich kann im vorbei fahren auch keine Uhr sehen - und selbst wenn: ich hab vor der OP meine Brille abgeben müssen und ohne bin ich blind wie ein Maulwurf!

Der nette Pfleger (astrein tätowiert...das registrier ich sogar im Delirium) erklärt mir dann auf Nachfrage, das es grade mal 22:45 Uhr ist- also lediglich knapp 2,5 Stunden, nachdem ich meinen Vater auf dem Flur hab schrumpfen sehen!

Hammer! Hätte er mir gesagt, ich hätte 5 Jahre im Koma gelegen und die Maschinen hätten mittlerweile die Herrschaft übernommen - ich hätt´s in dem Moment auch geglaubt!

Wo schiebt der mich eigentlich hin? Warum kann ich nicht auf mein Zimmer?? Waaaah...egaaal- denken geht noch nicht so richtig! Und solange mich alle in Ruhe lassen, ist es mir auch wurscht!!

Wir kommen auf der Überwachungsstation an! Ausser mir sind in dem großen Raum noch 2 weitere Patienten untergebracht!

Eine ca. 80jährige Dame, die wohl schon seit 3 Wochen hier unter 24-Stunden-Bewachung liegt, weil das mit den künstlichen Ausgängen, die sie ihr gelegt haben, wohl nicht so ganz gut *läuft*!!!

Auf der anderen Seite des Zimmers - sittsam durch einen Sichtschutz von uns getrennt- leidet ein älterer Herr unter Ächzen und Stöhnen die Nachwirkungen seiner Operation aus!

Unter normalen Umständen wäre ich jetzt durchaus voller Mitgefühl und Verständnis für meine Zimmergenossen, aber das hier sind keine normalen Umstände und ich bin einfach nur extrem genervt: vom gleichmäßigen Gepiepe der drei Überwachungsmonitore, vom Ächzen und Stöhnen, vom Geruch und von eigentlich allem!! Ganz besonders nervt mich das penetrante MIIIEEEP MIIIEEEP MIIIEEEP der Maschine rechts von mir!!

Moment...rechts von mir? Das ist doch MEINE Maschine?? Warum macht die denn jetzt Alarm?? Hiiillffee...

Da hör ich auch schon das eilige Heranquietschen der Gummisohlen der Nachtschwester, die an meine Seite gerast kommt und mich mindestens eben so erschrocken anschaut, wie ich sie!!

"Was war das denn?", frage ich immer noch ein bisschen panisch!
"Hmm...das Messgerät für den Sauerstoffgehalt hat Alarm geschlagen...aber: ihnen geht´s doch gut, oder?"

Ich nicke! "Was man halt so GUT nennen kann!"

Sie kontrolliert die kleine, graue *Wäscheklammer* an meinem rechten Zeigefinger und schlussfolgert dann "Naja...vielleicht verrutscht- das passiert schon mal!"

Einigermaßen beruhigt schliesse ich wieder die Augen, versuche die Aussengeräusche auszublenden und merke, wie ich so langsam wieder wegdämmere! Gerade hab ich diesen wunderbaren Schwebezustand zwischen *nicht mehr wach- aber noch nicht im Tiefschlaf* erreicht, da geht es plötzlich wieder rechts neben mir:

MIIEEEP MIIIEEEP MIIIEEEP MIIIEEP

Aaaalter.....wie angestochen fahre ich wieder hoch. Meine Herzfrequenz fährt spontan mit mir hoch...und ich höre auch direkt wieder das hektische *fwutsch, fwutsch, fwutsch* flinker Gummisohlen herannahen!!

Gleiches Spiel wie vorher: Kurzer, irritierter Blick; Alarm ausschalten; wieder *fwutsch, fwutsch, fwutsch** auf flinken Gummisohlen davon!

Dieses Mal allerdings nicht ohne die kleine, graue Wäscheklammer mit - sagen wir *liebevoller* - Gewalt auf meinen Finger zu tackern.

Es nützt nix!! Jedes Mal, wenn ich kurz davor bin, endgültig in den Schlaf zu rutschen, gibt das Scheissding neben mir Großalarm!!

Die Schwester hat Mordlust im Blick, will das Gerät aber nicht einfach abschalten- immerhin bin ich ja frisch operiert!!
Auch ich steh kurz vorm Nervenzusammenbruch...ich will schlafen...einfach nur schlafen- sonst garnichts!!

Und ich glaube, ich kann froh sein, dass meine Zimmergenossen ans Bett gefesselt sind, ansonsten hätten sich mich sicher schon mit ihren künstlichen Ausgängen und Gelenksprothesen erwürgt!! Zu Recht, übrigens!

Drei Stunden dauert das Drama an: dann kommt uns endlich die Eingebung!! Mittlerweile ist übrigens die *Wäscheklammer* mit mehreren Schichten Wundverband felsenfest an meine Hand gefesselt.

Die Schwester hat sich einfach mal neben mich gestellt und meine Drogenrausch- Einschlafphase beobachtet!!

Offensichtlich stelle ich in meiner jetzigen Verfassung zugedröhnt, dehydriert, auf dem Rücken liegend) meine Atmung dergestalt um, das ich in der oben beschriebenen Schwebephase zwischen Wachen und Schlafen regelmässig für ein paar, kurze Sekunden die Luft anhalte und diese *gesammelte* Luft anschliessend mit einem großen, pferdeähnlichen Schnauber wieder frei zu lassen! Wirkt bestimmt wahnsinnig mädchenhaft und anmutig!

Und dieses kurze Luft einhalten bewirkt tatsächlich kurzfristig einen so rapiden Abfall des Sauerstoffgehalts im Blut, das das Gerät Alarm gibt und ich somit nicht nur quasi das Reanimations- Team schon auf den Sprung gebracht habe, sondern die komplette Überwachungsstation und vor allen Dingen die Nachtschwester den größten Teil der Nacht auf Trab gehalten habe!! Peiiinlich!!

Aber nachdem dieses Rätsel jetzt endlich gelöst ist und ich mittlerweile bis auf die bleierne Müdigkeit tatsächlich wieder einigermassen fit bin, beschliessen wir illegalerweise, die Maschine einfach auf stumm zu schalten und uns allen wenigstens noch ein paar Stunden Ruhe und Schlaf zu gönnen!

Der ist auch dringend notwendig - immerhin soll am nächsten Mittag schon der Befund meiner Gewebeprobe vorliegen! Und um dieses Ergebnis und dessen Konsequenzen für mich zu erfassen und verarbeiten zu können, muss ich hellwach und aufnahmefähig sein!!

Und endlich gelingt es mir für zumindest ein paar Stunden endgültig ins Traumland abzutauchen!

Mein letzter Gedanke nach diesem langen, langen Tag:" Morgen kann eigentlich nur besser werden!"
10.12.14 21:45


....nur ein bisschen Husten!

Eben war doch alles noch in Ordnung. Die Sonne scheint, meine Urlaubspläne sind fast fertig geschmiedet und seit ein paar Tagen ist Deutschland Weltmeister!! Also: alles bestens, oder?

Und trotzdem lieg ich jetzt hier! In einem eher unbequemen Bett mit Rädern dran, ohne Unterwäsche aber dafür mit einem ausgesprochen unvorteilhaftem, bedruckten Kittelchen, das zu allem Überfluss auch noch hinten offen ist!! In meinem rechten Handrücken steckt eine Kanüle und auf dem Kopf hab ich ein ebenso unkleidsames Papiermützchen!!

Also: WAS ZUM HENKER PASSIERT HIER EIGENTLICH??

Fangen wir ganz von vorne an!

Seit Anfang März ärgere ich mich jetzt schon mit diesem verdammt hartnäckigen Reizhusten herum, der einfach nicht weggehen will.

Na klar...letztes Jahr wurden mir krankheitsbedingt die Gebärmutter und die Eierstöcke entfernt und ich wurde mal eben so *schwupps* mit grade 39 Jahren in die Wechseljahre befördert!!
Zum Glück hab ich diese Umstellung halbwegs gut verkraftet - aber seitdem nehm ich an mir und meinem Körper lustige kleine Veränderungen wahr, die ich vorher nicht so hatte!!

Beispiel Vorteile: :meine Haut ist wegen dem ausbleibenden Hormonchaos viel besser als früher!
Beispiel Nachteile: Milchprodukte durchlaufen den normalen Verdauungsprozess wesentlich lautstarker, als sie das früher getan haben!

Pupse statt Pickel, sozusagen!

Naja...und der Husten - der Frühling zieht ins Land, die Pollen fliegen!! Ich war zwar noch nie auch nur ansatzweise allergisch - aber wie gesagt: möglich ist alles!! Ach...geht schon wieder weg!

Was viel lästiger ist, ist dieses ständige Jucken am Hals und am Brustbereich!! Keine Flecken, keine Insektenstiche...nur Jucken, jucken, jucken!! Wahrscheinlich auch wegen der Allergie.... was denn sonst!?

Von dem vielen Kratzen am Hals hat sich mittlerweile sogar was entzündet...oder wo kommt der Knubbel am Hals her??

Inzwischen haben wir Anfang April! Der Husten ist NICHT weg...genauso wenig wie das Jucken und der Knubbel am Hals!! Lästig, aber nicht schmerzhaft!

Meine Freundin Andrea ist mit ihrem Mann zu Besuch und wir machen einen Ausflug in den Harz auf den Brocken! Auf der Wanderung runter ins Tal machen wir die ganze Zeit Witze über meine Husterei! *Jaja...jetzt rauch ich seit über einem Jahr nicht mehr und JETZT kommt der Raucherhusten" "Ich sag´s dir...sei bloss nett zu mir- das klingt wie Lungenkrebs- Endstadium" usw. usw. .

Trotzdem nervt mich die ganze Sache inzwischen so sehr , dass ich beschliesse, mal zum Hausarzt zu gehen! Und wo ich schon dabei bin, auch gleich mal einen Termin beim Schilddrüsen-Doktor zu machen, da der Knubbel am Hals auch nicht wirklich besser wird!

Mit der Hausärztin bin ich schnell klar... die Blutwerte sind eigentlich okay---ein bisschen erhöhte Entzündungswerte, aber sonst alles in Ordnung! Ein kleiner Inhalator, 2x am Tag...und damit sollte der Husten in den Griff zu kriegen sein!

Der Termin beim Schilddrüsendoktor ist ne ganz andere Geschichte:
Nach 2x Blutabnehmen, 2x Szintigrafie, 3x Ultraschall und 1x MRT teilt mir diese Krone der Schöpfung mit: "Jaaaa....da ist was auf den Bildern zu sehen...aber was genau, weiss ich auch nicht! Ach, lassen sie sich doch mal die Schilddrüse operieren!"

Auf meine Rückfrage hin, aufgrund welcher Diagnose ich mich denn operieren lassen soll, bekomme ich die Antwort:" Ach...da hätte ich einfach ein besseres Gefühl!"
Ich bedanke mich höflich, frage ihn ob ich sonst noch etwas für sein Wohlbefinden tun kann und bedauere nicht zum ersten Mal, das bei den modernen tragbaren Telefonen die Möglichkeit zum empörten Hörer- Aufknallen nicht mehr gegeben ist!

2 oder 3 Tage später passiert es zum ersten Mal: Beim Husten ist plötzlich Blut mit dabei!! Nicht *Greys Anatomy*- mäßig literweise reines Arterienblut - aber Blut!! Zum ersten Mal kriege ich wirklich Schiss!!! Wenn ich durch jahrelanges, regelmässiges Studium der jeweils aktuellsten Arztserien EINE Sache gelernt habe, dann diese: Blut husten = nicht gut!!

Wir haben inzwischen Mitte Mai! Ich spreche nochmal meiner Hausärztin vor, die mich SOFORT ins örtliche Krankenhaus schickt, um die Lunge röntgen zu lassen!! Und da...im Hinterzimmer der Radiologie, auf einem Monitor in einem halbdunklen Raum- da seh ich ihn zum ersten Mal!! Den Tumor!! Nur heisst er in diesem Moment noch nicht "Tumor" sondern erstmal medizinisch neutral *Raumforderung*! Laut Radiologe kann die *Raumforderung* ohne weitere Untersuchungen alles sein - Lungenentzündung, Tuberkulose, eine sonstige Entzündung...aber eben auch Krebs!

Sofort stelle ich für mich fest: Das KANN kein Krebs sein...ich hatte ja schon mal Krebs- und der ist weg!! 2x Krebs ist verboten!!!

Zumal ich ja wirklich keinerlei Beschwerden habe, die man so allgemein mit Krebs verbindet: keine Schlappheit, kein Nachtschweiss, kein Gewichtsverlust...!!

Und somit schiebe ich den Gedanken erstmal ganz weit weg und tue das, was jeder vernünftige Mensch in meiner Situation tun würde:
Ich fahre für ein langes Wochenende zu Rock am Ring!!

Natürlich: im nachhinein war das die Unvernunft in Person..aber andererseits bin ich wahnsinnig froh, das ich mir dieses sorgenfreie Wochenende noch gegönnt habe! Es war für lange Zeit das Letzte, wie ich heute weiß!

Kaum zurück vom Ring stehen eigentlich die weiteren Untersuchungen an! Aber soweit kommt es dann letztlich gar nicht mehr.

Der ursprüngliche *Knubbel* an meinem Hals ist mittlerweile eine ausgewachsene Pestbeule: riesig, rot, entzündet, unübersehbar!

Es ist ein Mittwoch Ende Juli. Ich nutze meine Mittagspause, um nochmal schnell zur Hausärztin zu radeln um mir mal eben Antibiotika verschreiben zu lassen - und sie spricht das dringend notwendige Machtwort und lässt auch nicht mehr mit sich diskutieren: "Sofort und ohne Umwege ab in die Klinik! Notaufnahme!! JETZT!!"

Mein von mir eher ungewohnt kleinlautes *Aber...aber...* wird komplett ignoriert! Ich werd nur noch gefragt: "Fahren sie selber oder soll ich direkt einen Krankenwagen hierher bestellen??"

Uuuuaah..dann fahr ich doch lieber selber...bzw: da ich zwar einen Führerschein, aber kein Auto habe, lass ich mich fahren! Mein lieber, guter Papa stellt auch sofort seine Taxidienste zur Verfügung!

Mir bleibt grad noch genug Zeit, um schnell noch mal ins Büro zu radeln, meine Kollegen zu informieren und meine restliche Arbeit auf dem Schreibtisch in gute Hände abzugeben. Und dann geht´s auch schon mit gepackter Tasche los Richtung Göttingen!

Dort angekommen stellt der diensthabende Chirurg nach nur einem einzigen Blick auf meinen entzündeten *Zweitkopf* ganz fachmännisch fest: "Das ist ein Abszeß!!" Ich...immer noch ganz verhältnissmässig fachmännisch: "Ach, Gott sei Dank...dann machen die denn jetzt auf und dann schicken die mich wieder nach Hause!!"

Haaah...natürlich nicht!!

Denn in der Zwischenzeit hatte der Oberarzt der Chirurgie mal meine komplette Sammlung an Befunden (unter anderem auch die von dem Schilddrüsendoktor mit dem gutem Gefühl) durchgesehen und beorderte mich nochmal zum Spontan- Ultraschall!!!

Eine kurze Untersuchung und ein paar besorgte Stirnrunzler später zog er sich einen Stuhl bei und eröffnete mir:" Frau Nell...das ist nicht nur ein Abszeß!! In Zusammenhang mit den MRT-, Röntgen- und Szintigrammbildern sowie den Entzündungswerten im Blutbild läuft es eigentlich für sie nur auf zwei mögliche Diagnosen raus! Entweder handelt es sich um ein schnellwachsendes, hochaggressives Schilddrüsenkarzinom oder um ein Hodgkin Lymphom!! Ich will ihnen aber auch gleich dazu sagen, das ich an das Erstere NICHT glaube - und das ist vorerst die GUTE Nachricht!!"

Hodgkins..wie?? WAS?? Klar, den Begriff hatte ich irgendwann, irgendwo schon mal gehört...aber ich hatte erstmal keinen Schimmer, von was der Mann da redete!!

Für einen Moment verschwamm die Welt um mich rum..ich dachte nur:"Nein, nein, nein, nein...es KANN kein Krebs sein!! Das geht nicht!! Ich verbiete es!! Oh Gott, meine Eltern!! Papa..der sitzt immer noch vorne im Wartebereich- was soll ich denn sagen?? Das GEHT NICHT!!!"

Der Doktor liess mir diesen kurzen Moment um das alles sacken lassen zu können und wartete, bis ich soweit war und ihn fragen konnte:"Und jetzt?"

"Wir brauchen eine Gewebeprobe von der *Raumforderung*! Unser Pathologe ist sogar noch im Haus... wir können sie sofort operieren - dann haben wir morgen mittag das Ergebniss!! Wie gesagt: ich gehe davon aus, das es ein Hodgkin ist..aber wir müssen es mit der Gewebeprobe verifizieren!!"

Dieses Mal musste ich nicht lange nachdenken...die Zeit der Verdrängerei war vorbei! "Ok...operieren wir!!*

Aber ich hatte eine Bedingung:" Mein Vater sitzt noch vorne im Warteraum und weiss von nichts!! Ich will ihm das mit der Operation selber sagen! UND: solange keine Ergebnisse vorliegen, äussert in seiner Gegenwart NIEMAND auch nur einen Mucks von *Krebs* oder *bösartig* oder sonstwas!! Das hat noch Zeit, bis wir alle es genau wissen!! Die offizielle Version ist ab sofort: Wir operieren um der Ursache der Entzündung auf den Grund zu gehen!!"

Der Doktor nickte und auch die anwesende Jung- Chirurgin und die Krankenschwester versprachen, vorerst nichts Anderweitiges verlauten zu lassen.

Die Krankenschwester verliess den Raum um meinen Vater zu holen und auch die beiden Ärzte liessen mich kurz alleine um den OP zu buchen und um ein Bett für mich zu besorgen!! Das waren die kurzen zwei Minuten in denen ich in den Tränen freien Lauf liess!! Aus Angst, aus Sorge, aus Wut!!

Als mein Papa dann mit großen, besorgten Augen vor mir stand und fragte, was denn eigentlich los sei, konnte ich die Heulerei natürlich nicht komplett verbergen...aber gemeinsam mit den Ärzten konnte ich ihm die vorher abgesprochene, verharmloste Version glaubhaft vermitteln.

Der Schreck und die Sorge um mich waren ihm auch so deutlich anzumerken...ich war heilfroh, dass er noch nicht die ganze Wahrheit kannte!!

Und dann ging alles ganz schnell! Mein Bett wurde mir gebracht, die vorteilhafte OP-Kleidung wurde angelegt, schnell noch ein Venenzugang gelegt...und los ging es Richtung OP- Bereich!! Mein Papa drückt mir nochmal die Hand und einen Kuss auf die Stirn und dann seh ich ihn mit meiner Tasche in der Hand in dem schmucklosen, grauen Krankenhausflur immer kleiner werden, während ich in flottem Marschtempo Richtung OP geschoben werde!!
9.2.15 22:32





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